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Globales Erwachen

Vortrag von Christoph Hatlapa (Rei Ho) auf der Tagung des Internationalen Netzwerks engagierter Buddhisten - INEB

Der Beitrag des Buddhismus für eine lebenswerte Welt

26. - 28.8.2000 im "Lebensgarten Steyerberg"

Gegründet 1989 von einem internationalen Kreis buddhistischer Mönche, Nonnen, Dharmalehrer und Laien, steht das INEB unter der Schirmherrschaft u.a. von S.H. dem Dalai Lama und Thich Nhat Hanh. Es soll konkrete Beiträge zur Überwindung des Leidens in der Welt leisten und umfasst Projekte auf dem Gebiet der Ökologie, des sozialen Engagements, der Arbeit für den Frieden und des Dialogs der verschiedenen Schulen des Buddhismus. Christoph Hatlapa, Zen-Meister (Mönchsname Rei Ho) in der Rinzai-Tradition und Mitbegründer einer ökologisch und spirituell orientierten Lebensgemeinschaft, erzählt von seinen Erfahrungen beim Aufbau der Siedlung "Lebensgarten" und seinem Engagement als Zen-Lehrer und in der Friedensarbeit.

In Gemeinschaft leben zu können, scheint mir ein wesentlicher Punkt zu sein. Auch, dass man in einer Gesellschaft wie unserer, in der der Individualismus kultiviert wird, auch die Fähigkeit erlernt, Ziele gemeinschaftlich zu verfolgen, und zwar auf einer spirituellen Grundlage, ist wesentlich. Ich möchte in diesem Zusammenhang kurz über den Lebensgarten sprechen, eine Gemeinschaft, die ich selbst gegründet habe, über ein Projekt in dieser Gemeinschaft, nämlich die Schule für Mediation, über einen persönlichen Kontext, in dem ich mich immer bewegt habe, nämlich die Zen-Sangha und über Projekte der Zen-Sangha.

Was mir dabei als sehr wichtig erscheint, ist, dass wir ein Verständnis des Gesetzes von Ursache und Wirkung haben. Der Buddha hat von den "Vier analytischen Erkenntnissen" gesprochen, die für uns besonders wichtig sind, um uns auf dieser Welt heilsam zu bewegen. Zu diesen analytischen Erkenntnissen gehört u.a. eine präzise Kenntnis des Gesetzes von Ursache und Wirkung. Dieses Gesetz nennen wir auch den Dharma. Wenn man das Gesetz von Ursache und Wirkung richtig versteht, dann sieht man, dass man es auf der relativen Ebene, auf der wir ja auch existieren, ständig mit diesem Gesetz zu tun hat. Wir können nicht handeln, ohne Wirkungen zu hinterlassen. Genauso wie wir nicht nicht-kommunizieren können: Es ist eine Illusion, zu glauben, dass wir nicht kommunizieren, wenn wir schweigen! Wenn wir schweigen, ist unsere Kommunikation gerade besonders stark. Wir können nicht nicht-kommunizieren und wir können nicht nicht-handeln. Das bedeutet: Wir sollten sowohl in unserer Kommunikation als auch in unserem Handeln und in all dem zugrundeliegenden Denken immer das Gesetz von Ursache und Wirkung beherzigen.

In Bezug auf die Entstehung von Gemeinschaften geht es um die entwerfende Seite dieses Gesetzes von Ursache und Wirkung. Im Alt-Buddhismus, scheint mir, wird oft betont, dass das Heilsame darin liegt, dem Dasein erst einmal den Rücken zu kehren und ihm gewissermaßen erst einmal ein Stück weit zu entfliehen. Ich sehe es so, dass das Gesetz von Ursache und Wirkung, richtig angewandt, bedeutet, dass wir uns über die Auswirkungen dessen, was wir ständig bewirken, im Klaren sind und dass wir dem eine Richtung geben. Was die Gründung von Gemeinschaften angeht bedeutet das, sich ganz bewußt so etwas zu verdeutlichen wie eine Vision, weil die Vision ein sehr starkes Wirkungsprinzip ist. Das ist zwar eine Struktur in unserem Geist, aber sie wirkt sich in der Materie aus: Je mehr sie von dem Prinzip des "Shunyata" durchdrungen ist, also von der potenzialhaften Leerheit, desto stärker ist die Vision auch wirksam. Je mehr Ego-Anteile in einer Vision enthalten sind und je mehr Begrenzungen, desto weniger tragfähig ist sie.

Das Gelände des Lebensgartens sollte einmal eine Ferienhaus-Siedlung werden, nachdem es eine Altlast des Nazireiches war. Es gehörte zum zweitgrößten militärischen Komplex des Dritten Reiches. Wir haben hier in unserer Umgebung viele Hinterlassenschaften des Dritten Reiches, wie Massengräber, KZs, nationalsozialistische Arbeitsbeschaffung, Restbestände von verseuchtem Boden in einem 20 qkm großen Munitionsfabrik-Gelände, usw. Das Projekt, das hier entstand, war, aus den Hinterlassenschaften von Terror und Gewalt ein Friedensdorf zu machen. Die Vision, von der wir uns dabei leiten ließen, hatte fünf Punkte.

Der erste war: das Projekt sollte ein Begegnungsort der verschiedensten geistigen Strömungen sein, also verschiedenster spiritueller Richtungen, weil wir Gründer der Auffassung waren, dass es solche Orte auf der Welt bisher nur wenige gibt, und dass dafür ein Bedarf besteht. Ein Ort, an dem sich unterschiedliche geistige Strömungen begegnen können, war der erste Punkt in der Vision. Für mich persönlich bedeutete das natürlich: Buddha - Dharma - Sangha. Aber für andere bedeutete das etwas ganz anderes: Vielleicht: "Gegrüßt sind alle meine Verwandten", und gemeint waren damit die vier Elemente. Und für wieder andere bedeutete das: Poona, Osho, Befreiung, usw. Wir hatten verschiedene Strömungen an diesem Ort.

Der zweite Punkt unserer Vision war: Kooperation mit der Natur. Wir wollten üben, ein Leben zu führen, das nicht mehr auf Kosten künftiger Generationen geht, und das vor allem nicht mehr auf Kosten anderer Lebewesen in dem Maße geht, wie wir es bisher gewohnt waren zu führen. Und es war klar, dass wir dieses Ziel nur gemeinschaftlich erreichen konnten. Diese Kooperation mit der Natur bedeutet nicht nur, ein friedvolles und kommunikatives Verhältnis zur Natur im Äußeren zu leben, sondern auch mit der eigenen inneren Natur in Korrespondenz zu treten. Denn diese beiden Aspekte der Natur bilden eine Einheit, bzw., wie wir im Zen sagen, Nicht-Zwei.

Ein weiterer Aspekt war: Kreativität im Sinne von Bereitschaft, diese Vision auch zu manifestieren, hier in dieser konkreten Hinterlassenschaft, die wir übernommen haben, nämlich: verfallene Gebäude, Militäranstriche in sieben Lagen in jedem Gebäude, Munitionskästen, die wir ausgegraben haben, Beseitigung von unterirdischen Tunneln, usw. Also Kreativität, durchaus auch inspiriert davon, im Hinterhof dieser kapitalistischen Gesellschaft einen positiven Akzent zu setzen, und zwar in dem Sinne, dass Buddha-Dharma-Sangha gelebt werden kann. Oder dass Spiritualität lebbar ist und dass aufgrund des freiwilligen Zusammenschlusses von Menschen etwas Heilsames geschehen kann. Und die Idee war natürlich auch, hier einen Ort der Heilung zu schaffen.

Ein weiteres Element unserer Vision war: aktive Toleranz. Wir waren uns darüber im Klaren, hierher würden lauter Menschen mit unterschiedlicher geistiger Ausrichtung kommen, und unterschiedliche geistige Ausrichtungen sind bekanntlich das schwerste Verständigungshindernis. Über praktische Fragen kann man sich noch relativ schnell verständigen, aber der Bereich der spirituellen Grundkonzeption ist so ungefähr der vehementeste und der toleranzbedürftigste Bereich. Und deshalb war ein ausdrückliches Erfordernis unserer Vision aktive Toleranz, weil wir schon damit gerechnet hatten, dass es nicht leicht sein wird, hier mit jedem zu leben.

Und dann war noch ein wichtiger "Ordnungsrahmen" - so würde man ökonomisch gesprochen sagen, und das ist auch ein entscheidender Unterschied zur Sangha des Buddha, - das Prinzip, dass jedes Mitglied dieser Gemeinschaft wirtschaftlich für sich selbst verantwortlich ist. Die wirtschaftliche Selbstverantwortlichkeit der Mitglieder der Gemeinschaft hat sich als ein großer Segen erwiesen. Am Anfang gab es die Vorstellung, wir können hier alles zusammen tun, und jeder greift in den großen Reistopf, formt sich da seine Bällchen und ißt sie. Einer der Mitbegründer dieser Gemeinschaft war ein Kaufmann, ein kluger Mann, der einerseits offen war für diesen neuen Ansatz und andererseits klare ökonomische Fakten gesehen hat: Wir werden uns hier nur entwickeln, wenn wir uns auch ökonomisch behaupten können. Und deshalb hat er darauf bestanden, dass jeder wirtschaftlich für sich selbst eintritt. Und natürlich darüber hinaus, dass jeder noch einen Beitrag für die Gemeinschaft erübrigt. So ist es hier dann auch geschehen.

Ich sehe einen besonderen Segen darin, dass wir diese wirtschaftliche Selbstverantwortung auf uns genommen haben, weil sie nämlich unsere Kreativität beflügelt hat, und zwar auch die Kreativität im Sinne vom rechten Lebenserwerb. Alle die hierher gekommen waren, hatten ihre bisherigen Jobs an den Nagel gehängt, ich zum Beispiel den Job eines Rechtsanwalts, und alle haben sich hier ihre eigenen Jobs kreiert. Entweder innerhalb der Gemeinschaft oder auf der Grundlage der Gemeinschaft oder eben auch im Äußeren, aber sie alle haben sich hier neue Jobs geschaffen. Und das Prinzip bei der Schaffung dieser neuen Jobs war: dass diese Jobs wirklich sinnstiftende Arbeit geben, dass wir mit unserem Herzen dabei in Kontakt sein können. Wenn die Vision klar ist, dann zieht der Geist die Materie nach. Das ist meine Erfahrung. Wir waren hier alle bettelarm, auch die Kaufleute übrigens, die kurz vor der Pleite standen, weil sie sich mit einem Makler zusammengetan hatten, der in Konkurs ging. Es musste dann erst aus der Entwicklung des Projekts wieder ein Rücklauf erfolgen.

Und dann sind hier an die 100 einander bisher nicht bekannte Leute hergezogen, auf der Grundlage dieser Vision, und die mussten in diesen halb zerstörten Gebäuden miteinander klarkommen. Ihr könnt Euch vorstellen, dass das von einer Fülle von Ausgangskonflikten begleitet war: ein gutes Übungsfeld dafür, von Anfang an nur mit der Stimme des Buddha zu sprechen und die Stimme des Buddha zu hören, - bekanntlich ein ziemlicher Kraftakt! Gerade wenn man immer so dicht aufeinander hockt, wie wir hier, dann gibt es spätestens nach 14 Tagen, wie ich sage, kein Entkommen vor der eigenen Zentral-Meise. Man begegnet hier so vielen Menschen, die ständig auf unsere "Knöpfe" drücken, die die eigenen Prozesse auslösen, und zwar so lange, bis sie hochgehen. Jeder, der hierher gekommen ist, kann das bestätigen. Dann kommt man hier in das Polierwerk dieser Gemeinschaft, und es beginnt der Prozess, an dessen Ende man - vielleicht - den Diamant des Diamant-Sutra vorfindet.

Was wir am Ende dieser Phase des Diamantschleifens gelernt haben, ist: Kommunikation - eine bestimmte Art, unsere Entscheidungen hier gemeinsam zu finden. Denn aus dem Toleranzprinzip folgte der Grundsatz, dass wir hier nur im Konsens entscheiden. Alle wesentlichen Entscheidungen fallen hier im Konsens, auch zum Beispiel, ob wir EXPO - Projekt werden oder nicht. Und dieses Konsensprinzip ist eingeschränkt durch die Formel: Kann die überstimmte Minderheit, wenn es so etwas einmal gibt, mit dem Mehrheitswillen leben? Wenn dann jemand sagt: Das kann ich nicht, ich kann damit nicht leben, dann wird ein solcher Beschluss der Mehrheit hier nicht ausgeführt. Dann wissen wir, irgend etwas stimmt da noch nicht. Manche Beschlüsse sind acht Jahre lang aufgeschoben worden, so lange musste daran gearbeitet werden. Dieses Know-how, das wir in der Konsensbildung erreicht hatten, das wird heute - inzwischen seit 10 Jahren - angewendet in der Schule für Verständigung und Mediation.

Wir haben hier, in der Gemeinschaft, an der Herausbildung einer gewaltfreien Kommunikation gearbeitet, und es ist für uns ein zentrales Thema, im Konflikt eine gewaltfreie Verständigung zu suchen. Wenn hier in der Gemeinschaft, wie es jedem Menschen passieren kann, die Minen hochgehen, dann ist es eine Selbstverständlichkeit, mit Hilfe einer der 19 Mediatoren in der Gemeinschaft, die Sache auf eine Weise auszutragen, die vom gegenseitigen Respekt lebt. Diese Form der Kommunikation, die wir uns hier mühsam und mit viel Hilfe von Außerhalb angeeignet haben, bieten wir auch als Dienstleistung an. Auch in konventionellen Zusammenhängen: Wenn Menschen in Behörden gewaltfreier miteinander kommunizieren möchten, dann sind wir gerne bereit, ihnen dieses Know-how zugänglich zu machen.

Ein wichtiger Einsatzbereich von uns liegt auch im ehemaligen Jugoslawien. Wir haben uns dort sehr bald nach dem Krieg enagagiert und haben Trainings in gewaltfreier Kommunikation und Mediation angeboten, um einen Beitrag zu leisten, den Hass, der dort während des Krieges entstanden war, wieder abzubauen. Wir haben dort sehr viele persönliche Freundschaften geschlossen. Unsere Projekte sind davon geprägt, dass wir diesen Herz-zu-Herz-Kontakt pflegen. Wir haben Leute hierher eingeladen und ausgebildetet und auch dazu beigetragen, dass ein kleines multikulturelles Dorf in Kroatien entstanden ist und dort Trainings abgehalten werden konnten. Wir haben mit dazu beigetragen, dass das Friedenszentrum in Ossiek, das vor kurzem den alternativen Friedensnobelpreis für seine Arbeit bekommen hat, entstehen konnte, - aber nicht als "unser" Projekt, sondern weil wir getan haben, was in dem Augenblick gerade anstand, um den Menschen zu dienen, zu denen wir eine Herzensbeziehung hatten und deren Lage unser Mitgefühl angesprochen hat, - und nicht, damit wir später in irgendeinem Buch der UNO erwähnt werden.

Der Buddha hat gesagt: eine der vier analytischen Erkenntnisse ist die Verwendung einer wirklichkeitsbezogenen Sprache. Es ist, vor allem im Konflikt, sehr schwierig, die Sprache wirklichkeitsbezogen zu gestalten. Eine Ideologie, ein Projektionsmechanismus, der die wirklichkeitsbezogene Sprache im Konflikt überdeckt, ist nämlich die Verwechslung von Ursache und Wirkung - in dem Augenblick, in dem wir einen Konflikt haben. Dann sieht nämlich der "Weltling", wie der Buddha sagen würde, auf den äußeren Anlass, und sagt: Weil du deine Haare rot gefärbt hast, bin ich heute sauer. Ein harmloses Beispiel. In Wirklichkeit möchte er aber sagen, mein Bedürfnis ist: Schönheit zu erleben. Aber weil er nicht mit seiner inneren Wirklichkeit in Verbindung ist, kann er diese wirklichkeitsgemäße Aussage nicht treffen. Der Buddha sagt, wenn man schon von einem Feind spricht, dann ist dieser Feind innen zu finden, aber nicht als Feind, sondern: es ist unsere Natur, bestimmte Bedürfnisse zu haben, und es ist Erleuchtung, sich über diese Bedürfnisse im Klaren zu sein. Deshalb betreiben wir ja diese ganze Analyse unseres Wesens in der Meditation, - damit wir über unsere inneren Sachverhalte im Bilde sind. Eine projektionsfreie Sprache spricht z.B., wenn zwei Menschen sich streiten, die Bedürfnisse an, die hinter den äußeren Anlässen stehen, die die Menschen aufeinander losgehen lassen, und an denen sie ihre Feindschaft festmachen. Eine solche Sprache führt zu einer echten Beziehung, einem echten Kontakt, - während eine projektionsbelastete Sprache zu Bildern führt, Feindbildern zum Beispiel. Weil wir die Beziehung zu einem anderen Wesen nicht aufnehmen wollen, machen wir uns ein Bild davon, das wir uns wie ein Rollo im inneren Stübchen aufhängen, und dann z.B. sagen: Mit den Sowjets brauchst du dich nicht zu befassen, das sind sowieso alles Schweine. So haben wir lauter Etiketten auf unseren inneren Rollos, und wir glauben, uns nicht mehr darum kümmern zu müssen, was dahinter steckt. Das ist Verblendung.

Diese Rollos alle wieder hoch zu ziehen, von unseren eigenen Bedürfnissen auszugehen und mit den Menschen in echte Beziehung, in echte Verbindung, zu treten: das ist das Projekt der "Schule für Verständigung und Mediation" hier im Lebensgarten. In dieser Schule, die gerade ihren zehnjährigen Geburtstag gefeiert hat, werden Menschen darin ausgebildet, so zu kommunizieren, dass die Kommunikation heilsam ist. Das eigene Wesen zu kennen, ist das erste analytische Wissen, die Gesetze von Ursache und Wirkung - den Dharma - zu kennen, ist das zweite analytische Wissen. Und das dritte analytische Wissen bezieht sich auf die Sprache, die dazu beitragen kann, dass wir uns heilsam in der Welt bewegen, dass wir dem Dharma folgen können. Die Sprache der Vision ist eine sehr wirkungsvolle und exakte Sprache, wenn sie der Sprachanalyse des Buddha unterzogen worden ist, wenn alle Verneinungen - im Sinne von Ablehnungen - entfernt wurden, wenn alles Greifenwollen - im Sinne von "Gier" - herausgenommen worden ist: dann ist die Sprache äußerst wirkungsvoll.

Für mich persönlich war die ganze Entwicklung hier in dieser Gemeinschaft nicht denkbar ohne Verbindung zum Buddha-Dharma. Ich hatte mit 25 dem Christentum den Rücken gekehrt, war 15 Jahre lang Kommunist und dachte, ich trüge auf diese Weise zur sozialen Entwicklung bei, woraufhin ich dann allerdings die Nutzlosigkeit dessen so fühlte, dass ich mich in einer Sackgasse gesehen habe. Zen wurde dann eine Pforte, durch die ich mich aus der Verstrickung in die Ideologie wieder herauslösen konnte, weil einem Zen sämtliche Konzepte entreißt. Das war dann die letzte Ideologie, der ich mich verschrieben habe, die Ideologie der Nicht-Ideologie. Dieses Engagement für Zen war für mich eine absolute Grundlage, um hier in dieser Gemeinschaft als Gründer und später als Mitglied zu arbeiten, wo ich diesen Ort schon als durchaus dunkel und belastet erlebt habe, mir aber gesagt habe: Zen bringt die Power auf, um mit jeder Energie umgehen zu können, - wir brauchen nicht nur immer nach dem Licht zu schielen, sondern wir können es mit den Dämonen genauso gut aufnehmen. Mit denen können wir uns auch anfreunden! Und diesen Weg der Begegnung mit den Dämonen bin ich hier konsequent gegangen und habe mich auch immer bemüht zu sehen, wo das Verbindende mit diesen Dämonen ist, wo wir Freunde werden können. Und dann verändern sich die Dämonen ja auch sofort. Im Laufe der Zeit lernte ich diese Gemeinschaft schätzen als ein Milieu in dem sich Buddha-Dharma behauptet, in Verbindung mit anderen spirituellen Richtungen, und ich fühle mich enorm bereichert vom Kontakt mit den Menschen, die anderen spirituellen Wegen folgen. Natürlich dachte ich am Anfang insgeheim: Passt mal auf, am Ende seid ihr alle Buddhisten. Heute bin ich froh, dass ich diese engherzige Sichtweise aufgegeben habe, weil ich gesehen habe, welcher Reichtum in diesen anderen spirituellen Richtungen enthalten ist, - und dass wir deshalb unseren eigenen Weg gar nicht aufgeben müssen, sondern dass er sich sehr sinnvoll und ergänzend für die anderen darstellt, wenn wir ihn hier gehen.

Im Laufe der Zeit ist dann eine kleine Sangha entstanden, eine noch neue kleine Gruppe, die hier im Lebensgarten Zen praktiziert und versucht, den gesamten Alltag damit durchzugehen und in die Praxis einzuführen. Es ist für uns ein interessantes Experiment, das Leben der Laien immer mehr vom Buddha-Dharma her zu sehen, statt den Gegensatz von Kloster und Laien-Leben zu betonen. In dieser spirituellen Gemeinschaft, die schon so etwas wie einen Front-Charakter hat, brauchen wir nicht noch extra ein Kloster hinein zu konstruieren, sondern wir machen unser konkretes buddhistisches Engagement innerhalb dieser Gemeinschaft deutlich.

Wir haben jetzt ein ehemaliges Lebensgarten-Projekt übernommen, nämlich das sogenannte Permakultur-Gelände. Permakultur ist eine Form der relativ gewaltfreien Kooperation zwischen Mensch und Natur. Auf einem sehr dürren Acker wurde hier der Versuch unternommen, dies modellhaft vorzuführen. Die Schwierigkeit, an der das Projekt scheiterte, war das Verlangen nach der Behauptung in der Wirtschaftswelt. Sich um die Pflanzen achtsam zu bemühen, lässt sich auf einem Hobby-Niveau leicht machen, aber sobald man es wirtschaftlich versuchen will, wird es sehr viel schwieriger. Ich habe erlebt, dass die Gruppen, die sich auf diesem Gelände mit Gemüseanbau in Handarbeit engagiert haben, an den geringen wirtschaftlichen Einkommensmöglichkeiten gescheitert sind. Und deshalb war unser Gedanke als Sangha, dass die Zen-Übung, die die praktische Tätigkeit als Wachstums-Impuls für die Entwicklung der Menschen braucht, gut zu dem Auftrag passt, mit den Pflanzen und Tieren zu kooperieren, wenn wir uns auf das Dana-Prinzip besinnen. Wir haben dort den Versuch gestartet, einen Übungsrahmen für die Zen-Gemeinschaft zu finden, der noch ein Stück über dieses Projekt hinaus geht und gleichzeitig das Dana-Prinzip nutzen möchte. Der Gedanke ist: wir geben nach dem Dana-Prinzip in dieses Gelände hinein, und das Gelände gibt etwas zurück, das nach dem Dana-Prinzip wieder verteilt wird. Wir stellen keine Berechnung darüber an, was der Kohlkopf in der Herstellung kostet und was marktwirtschaftlich noch sinnvoll ist oder nicht. Denn genau an dieser Fragestellung sind die Selbstversorger-Projekte im Lebensgarten bisher gescheitert. Aber auch der traditionell Bio-Landbau ist in gewisser Weise eine subventionsbedürftige Angelegenheit. Deshalb haben wir uns überlegt, dort Dana-Ökonomie zu betreiben, das heißt, wir stellen Entwicklungraum zur Verfügung, und das, was sich dort entwickelt, kann wiederum für die Entwicklung anderer Dinge bereitstehen. In diesem Zusammenhang sehen wir auch Entwicklungsmöglichkeiten auf dem Gelände als Übungsraum für Gäste und Zen-Übende. Wir wollen dort ein Sangha-Haus errichten, offen für Gäste und Zen-Übende, wo Menschen hinkommen können, die das Gesetz von Ursache und Wirkung in sich selbst entdecken wollen, die sich selbst kennenlernen wollen, und die auch bereit sind, dort etwas Praktisches zu tun, - um sich auch mit der Außenwelt auseinanderzusetzen. Wir hoffen mit unserer Vision der Dana-Ökonomie auf dem Gelände voranzukommen, und so kommt jetzt z. B. eine Gruppe von 30 wandernden Handwerksgesellen, die uns ihre Arbeitsleistung 14 Tage lang für ein bestimmtes Projekt schenken. Natürlich haben diese Leute dann auch Bedürfnisse, die erfüllt werden wollen, bevor sie diesen Dienst wirklich gut für uns leisten können.

Wir alle leben von einer bestimmten Form von "Nicht-Zwei-haftigkeit". Wir sind auf der einen Seite sich selbst behauptende Ganzheiten und auf der anderen Seite in "Mu" oder in "Shunyata", der potentialhaften Leerheit, eingebundene Teil-Wesen. Wir sind immer Ganzheit und Teilheit in einem. In Gemeinschaft leben bedeutet, bewusst Ganzheit und Teilheit zu leben. Bewusst Selbstbehauptung und Einfühlung zu leben, diese beiden Aspekte, Form und Leerheit, gemeinsam zu leben. Diese Art von "nicht-zwei-hafter" Beziehung von Soheit zu Leerheit ist in meinen Augen der Motor der Selbstorganisation. Und wir setzen hier in dieser Gemeinschaft auf die autonomen Selbstorganisationskräfte, die ein Bestandteil unserer Buddha-Natur sind. Auch der Buddha hat uns aufgefordert, eine autonome Ethik zu entwickeln, uns autonom und entsprechend unserer eigenen Natur zu verhalten, dabei aber nicht zu einer Monade zu werden.

Fragen und Antworten

Frage: Was bedeutet "Choka Sangha"?

Christoph Hatlapa: Bevor hier in der Siedlung irgendetwas ausgebaut wurde, sind wir schon mit dem Roshi (Oi Saidan Roshi, Abt des Hokoji-Tempels in Hamamatsu, Japan) durch die halb verfallenen Gebäude gegangen und haben einen leeren Dachboden gefunden, durch den der Wind pfiff und wo die Rotschwänzchen gebrütet haben, und da sagte der Roshi: Das ist doch ein guter Platz für eine Zendo! Das wurde dann die "Choka Zendo". "Choka" heißt Vogelnest, also "Vogelnest-Sitzhalle"! Von denjenigen, die hier geübt haben - und es waren immer auch Zen-Übende aus den Zen-Kreisen von Bremen, Kiel, Hamburg, Kassel usw, hier - haben sich dann die in der Nähe wohnenden Schüler zur "Choka Sangha" zusammengeschlossen.

Frage: Wie geht ihr mit der Tendenz zur "Beliebigkeit" um? Nach der Zeit der gegenseitigen Abgrenzung und des sich Ausschließens von verschiedenen Traditionen greift heute eine Tendenz zur Beliebigkeit um sich, wo es dann gleichgültig ist, ob ich Mountainbike zu meiner Ideologie mache oder Zen ...?

Christoph Hatlapa: Die Beliebigkeit ist schon einmal nicht wirklichkeitsgemäß! Vielleicht entsprechen Teile davon der Wirklichkeit, aber andere Teile eben nicht, und ich bin für das Wirklichkeitsgemäße. Insofern habe ich einen klaren Standpunkt, was das angeht. Ich würde nicht sagen: Mountainbike ist der Weg.

Frage: Was sind die vier analytischen Erkenntnisse?

Christoph Hatlapa: "Die erste analytische Erkenntnis, das erste analytische Wissen, von dem der Buddha gesprochen hat, ist das Wissen von unserem wahren Wesen, von unserer Buddha-Natur (atha-patisambhidá). Das zweite analytische Wissen ist das Wissen vom Gesetz, vom Dharma (dhamma-patisambhidá). Das dritte ist das analytische Wissen von der Sprache (nirutti-patisambhidá), und das vierte analytische Wissen ist das Wissen um diesen Zusammenhang der anderen drei analytischen Wissen, und das wird auch bezeichnet als das Wissen um die Schlagfertigkeit (pati bhána-patisambhidá). D.h. es kommt auch darauf an, dieses Wissen anwenden und damit umgehen zu können.

Frage: Siehst Du Selbstversorgung und Dana-Ökonomie als Gegensatz?

Christoph Hatlapa: In den ersten Jahren des Lebensgartens hat sich hier eine Gruppe mit der Frage befasst: Wie können wir uns selbst versorgen? Unabhängig vom globalen Markt und vom herrschenden Geldsystem. Und diese Gruppe hat dann versucht, in Zusammenarbeit mit den Ökobauern der Umgebung das Land zur Selbstversorgung zu nutzen. Aber es hat sich bald herausgestellt, dass die Menschen in dieser Gruppe für sich nur einen Bruchteil des Einkommens erwirtschaften konnten, das bei den übrigen Lebensgarten-Mitgliedern üblich war. Die anderen Mitglieder haben diese Gruppe dann eine Zeit lang unterstützt, da der Selbstversorgungs-Aspekt ihnen sehr wichtig war. Als Experiment lief dieser Versuch vier Jahre, aber die Beteiligten an diesem Experiment wollten nicht immer die Subventionierten sein, sie wollten nicht immer am Tropf der Gemeinschaft hängen. Und aufgrund dieser ökonomischen Herangehensweise ist das Experiment in dieser Form dann nicht weitergeführt worden. Unsere Vorstellung mit dem Permakulturgelände heute ist: Wenn man das Leben als Wunder und Geschenk betrachtet und darauf achtet, kann man bemerken, dass das Leben aller Wesen in der Natur von Austausch und Großzügigkeit geprägt ist. Die Natur sorgt dabei gleichzeitig auf kluge Weise für die Erhaltung eines dynamischen Gleichgewichts. Die natürlichen Systeme bis hin zu den Pflanzen sind ja durchaus intelligent: Wenn der Klee etwa zu sehr abgegrast wird, produziert er Stoffe, die in den Hormonstoffwechsel der Weidetiere eingreifen und deren Fruchtbarkeit vermindern, - so lange, bis der Klee wieder nachgewachsen ist, und dann lässt er sich wieder abgrasen. Deshalb ist meine Hoffnung, dass es uns am meisten zuträglich sein wird, wenn wir uns auch ökonomisch an der Natur selbst orientieren. Deshalb der Gedanke der Dana-Ökonomie: Geben und Nehmen, - und nicht zwischendurch nachrechnen: Moment mal, reicht das auch? Dann fühlt man sich immer nur im Mangelzustand. Das verlangt natürlich mehr Vertrauen! Der Buddha hat auch vertraut, er hat gesagt: Verlasst euren Ramsch! Bettelschale und Gewand reicht! Wenn eure Augen glänzen, werden die Leute euch schon ernähren. Während der Hungersnöte mussten die Mönche dann auch mal nach Hause geschickt werden, weil niemand etwas abzugeben hatte, grundsätzlich galt aber das Prinzip des Dana.

Frage: Welche Stellung habt ihr hier zum Netzwerk?

Christoph Hatlapa: Wir sind hier ein Graswurzel-Projekt. Wir brauchen die Verbindung zur Erde und zu unseren eigenen Erfahrungen, und wir bilden einen guten Netzknoten. Als Lebensgarten sind wir inzwischen in vielen internationalen Netzen eingebunden, als Knoten, aber wir bleiben hier vor Ort. An einer zu virtuellen Existenz ist uns nicht gelegen, wir lieben das Handfeste.

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